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1 Begriff
Zunächst werden darunter allgemein EDV-gestützte Buchungs- und Reservierungssysteme verstanden. Sie können auf unterschiedlichen Ebenen der touristischen Wertschöpfungskette verwendet werden, so zum Beispiel in Hotels (Hotelreservierungssystem), in Tourismusorten und -regionen. Speziell wird dieser Begriff jedoch meist für die ursprünglich von Fluggesellschaften gegründeten Computersysteme verwendet, die sich im Verlaufe der Zeit zu weltweiten Reservierungssystemen (Globale Distributionssysteme, GDS) entwickelt haben.
2 Geschichte
Die ersten CRS wurden bereits in den 1960er Jahren von Fluggesellschaften in den Vereinigten Staaten als Informations- und Buchungssysteme entwickelt. Neben den Flugplänen brauchten sie in den damals noch regulierten Märkten nur wenige Flugtarife zu dokumentieren, die zudem nur selten geändert wurden (Collier 1991). Nach der Liberalisierung des us-amerikanischen Luftverkehrsmarktes durch den Airline Deregulation Act änderte sich diese Situation nach 1978 schlagartig. Mit der Freigabe von Strecken und Tarifen waren die Fluggesellschaften gezwungen, die Flugzeugumläufe und die Flugpreise laufend den sich verändernden Marktbedingungen anzupassen. Dies erforderte eine Markt- und Nachfragebeobachtung in Echtzeit, d.h., man mußte jederzeit in der Lage sein, die gerade aktuelle Buchungssituation für jeden einzelnen Flug abfragen zu können. Diese Funktion wird bereits im Namen des auf eine gemeinsame Initiative von American Airlines und IBM aus dem Jahre 1959 zurückgehende Reservierungssystems Sabre (engl. das Schwert) deutlich, eine Abkürzung, die für semi-automated business research environment‘ steht (Smith, Leimkuhler, & Darrow 1992). Ohne ein solches System wäre die Entwicklung von Verfahren des Yield Management (Ertragsmanagement) nicht möglich gewesen, mit dem Fluggesellschaften gezielt auf Nachfrageänderungen reagieren und durch entsprechende Gestaltung von Preisen und Konditionen ihre Erträge optimieren können.
Vor der Deregulierung (Liberalisierung des Luftverkehrsmarktes) hatten die Fluggesellschaften in den USA ca. 400.000 verschiedene Tarife, im Jahre 1987 waren es bereits mehr als sieben Millionen mit mehr als 10.000 täglichen Änderungen (Echtermeyer 1993). Die Installation von Terminals, von denen bereits 1976 die ersten in ausgewählten Reisebüros aufgestellt worden waren, wurde damit zur absoluten Notwendigkeit. In zweiter Linie konnte durch die Einführung solcher Systeme bei den Vertriebsstellen (zum Beispiel in Reisebüros) die Buchung von Flügen vereinfacht, beschleunigt und damit auch verbilligt werden. Nach einer Untersuchung des US-Justizministeriums aus dem Jahre 1983 konnten die Fluggesellschaften ihre Kosten pro Reservierung von 7,50 US-$ auf 50 Cent senken; weitere Untersuchungen in dieser Zeit ergaben einen Produktivitätszuwachs von 42 Prozent für die Reisebüros (Weinhold 1995, S. 94). Finanziert werden die CRS durch Abonnementsentgelte der Reisebüros und Eintrags- und Abwicklungsentgelte von Fluggesellschaften und anderen Leistungsträgern sowie weiteren Anbietern. Darüber hinaus werden anonymisierte Datensätze der Buchungen zu Marktforschungszwecken an interessierte Unternehmen verkauft.
Um zu verhindern, dass jedes Reisebüro mehrere Computerterminals aufstellen muß, um Flüge im jeweils eigenen CRS der Fluggesellschaften buchen zu können, gab es in den USA eine Reihe von Versuchen, übergreifende Systeme zu entwickeln, die jedoch alle aus verschiedenen Gründen scheiterten (vgl. Weinhold 1995, S. 39 f.). Nicht zuletzt bemühte sich auch der us-amerikanische Reisebüroverband (American Society of Travel Agents, ASTA) 1979 in Kooperation mit einigen Fluggesellschaften und American Express, ein solches System zu entwickeln. Dies wurde jedoch von den US-Kartellbehörden untersagt (a.a.O.). In der Folge setzten sich die auf die Bedürfnisse von Reisebüros zugeschnittenen CRS von American Airlines und United immer mehr durch, so daß auch andere Fluggesellschaften gezwungen waren, ihre Daten in diese Systeme einzustellen, um weiterhin in den Reisebüros buchbar zu bleiben. Da es auch für die Reisebüros, vor allem kleinere, kaum möglich war, mehrere Terminals zu installieren, um die Angebote aller Fluggesellschaften buchen zu können, gab es auch von dieser Seite her Druck, die Systeme zu öffnen.
2.1 Wettbewerbsverzerrungen
Allerdings hatten die Fluggesellschaften, die im Besitz eines CRS waren, zunächst eine Reihe von Möglichkeiten, Konkurrenten bei der Nutzung des eigenen Systems zu benachteiligen und die von Kunden gewünschte Markttransparenz im Reisebüro zu verhindern. Da etwa zwei Drittel der Flugbuchungen von der ersten Seite der nach der Anfrage angezeigten Bildschirmseite erfolgen, hatten natürlich alle teilnehmenden Fluggesellschaft ein Interesse daran, daß ihre Verbindungen weit vorne gelistet werden (Hanlon 1996, S. 55). Systemanbietende Fluggesellschaften wußten ihre Flüge an die erste Stelle zu setzen (display bias). Man konnte dabei, wie Sabre, argumentieren, die Angebote ganz neutral in alphabetischer Reihenfolge der Flugnummern (IATA-Kürzel von American Airlines: AA) zu sortieren. Gleichzeitig verlangten die CRS oft von konkurrierenden Fluggesellschaften höhere Preise als den jeweiligen Muttergesellschaften in Rechnung gestellt wurde. Nicht zuletzt hatten die Fluggesellschaften mit eigenem CRS auch Zugriff auf die Datenbanken, in denen Informationen über Reisebüros, Kunden, Buchungen usw. auch der konkurrierenden Fluggesellschaften gespeichert waren (Weinhold 1995, S. 107 ff.). Dies alles führte zu einer erheblichen Ausweitung des Marktanteils CRS-besitzender Fluggesellschaften.
Vor diesem Hintergrund wurden 1984 in den USA die ersten Vorschriften zur Unterbindung wettbewerbsverzerrender Praktiken bei den CRS in Kraft gesetzt und mußten in den Folgejahren ergänzt und verschärft werden (Echtermeyer 1998, S. 71). In der damaligen Europäischen Gemeinschaft (EG) wurde 1989 ebenfalls ein Verhaltenskodex (code of conduct) mit Gesetzeskraft erlassen und in der Folge den sich wandelnden Gegebenheiten angepaßt. Auch die ICAO (International Civil Aviation Organisation) hat 1992 einen entsprechenden Kodex in Kraft gesetzt, der allerdings nur empfehlenden Charakter für die Mitgliedsländer hat (op. cit., S. 72).
Heute allerdings ist es auch nach diesen Regelungen immer noch möglich, dass bei Gemeinschaftsflügen (Code Share) der gleiche Flug mehrere Male auf dem Bildschirm angezeigt wird (screen clutter oder screen padding): einmal unter der Flugnummer der durchführenden und zum anderen unter der der Partnerfluggesellschaft(en). Dadurch werden andere Flüge auf der ersten Seite weiter nach unten bzw. auf die Folgeseiten verdrängt, von denen die Buchungswahrscheinlichkeit nur noch gering ist.
2.2 Angebotserweiterung
In Deutschland wurde 1971 die Studiengesellschaft zur Automatisierung für Reise und Touristik, kurz START, gegründet. Initiatoren waren die TUI, die Deutsche Bundesbahn (Deutsche Bahn AG) und die Lufthansa. Ihnen ging es um die Entwicklung eines übergreifenden Reservierungssystems für Reisebüros, über das nicht nur Flüge, sondern auch Veranstalterreisen und Bahnwerte gebucht werden konnten. Dieses System wurde ab 1979 in den Reisebüros installiert. Gleichzeitig wurden auch die Inhalte der CRS der Fluggesellschaften immer mehr ausgebaut, so daß man Ende der 1980er Jahre bei Sabre zum Beispiel auch Aufenthalte beim Club Méditerranée, Limousinen mit Fahrern und Hochzeiten auf Hawaii buchen konnte (vgl. Holloway 1989, S. 74). Auf europäischer Ebene wurden mit Galileo International (1986) und Amadeus (1987) zwei Unternehmen gegründet, hinter denen jeweils eine Gruppe von Fluggesellschaften stand. Auf der Grundlage us-amerikanischer CRS (System One von Continental bei Amadeus und Apollo der United Airlines-Tochtergesellschaft COVIA bei Galileo) wurden benutzerfreundlichere und auf europäische Bedürfnisse zugeschnittene Systeme entwickelt. In Deutschland führte man das in den Reisebüros führende START-System mit Amadeus zusammen. Vereinfacht ausgedrückt lieferte Amadeus den Kern mit seinem weltweiten Computerreservierungssystem, START umkränzte dieses internationale Herzstück mit nationalen Anbietern, vor allem mit deutschen Reiseveranstaltern, die über eine eigene Maske (TOMA = Tourismusmaske) gebucht werden können. In Frankreich übernahm das Reservierungssystem Estérel die gleiche Funktion für Amadeus wie START in Deutschland. Auch in anderen Ländern wurden solche Verknüpfungen vorgenommen bzw. dafür nationale Marketingunternehmen gegründet. Die Angebote, die man über CRS buchen kann, wurden in diesem Zusammenhang immer mehr ausgeweitet. So können neben Flügen und Pauschalarrangements der Reiseveranstalter u.a. auch Hotels, Restaurants, Eintrittskarten, Reiseversicherungen, Mietwagen, Fähren und Zugfahrkarten gebucht werden. Entsprechend verringerte sich der Anteil der reinen Flugbuchungen an den gesamten Buchungsumsätzen.
3 CRS als eigenständige Unternehmen
Weit über die ursprünglichen Intentionen ihrer Gründer hinaus wuchsen die CRS damit von strategischen Töchtern bzw. Beteiligungen der Fluggesellschaften zu eigenständigen, marktfähigen Unternehmen, die der touristischen Wertschöpfungskette eine neue Stufe hinzufügten. Diese Entwicklung wurde nicht zuletzt auch durch die oben erwähnten gesetzlichen Regelungen (Verhaltenskodices) vorangetrieben, die eine Bevorzugung der Anteilseigner in ihren Reservierungssystemen verhindern. Damit verloren die Fluggesellschaften das strategische Interesse an ihnen und sahen ihre Beteiligungen nur noch unter kommerziellem Blickwinkel. Zudem lagen die Beteiligungsverflechtungen der Fluggesellschaften mit CRS quer zu den ab 1997 entstandenen Strategischen Allianzen. So waren zum Beispiel die beiden Gründungsmitglieder der Star Alliance, Lufthansa und United Airlines, Anteileigner bei den konkurrierenden Systemen Amadeus (LH) und Galileo International (UA). In der Folge verkaufte man die CRS bzw. die Beteiligungen an ihnen. So wurde Galileo 1997 zunächst an die Börse gebracht bis das Unternehmen 2001 komplett von Cendant erworben wurde. Das 1990 von drei US-Fluggesellschaften (Delta, Northwest, TWA) gegründete CRS Worldspan wurde Mitte 2003 an die Travel Transaction Processing Group verkauft, die dafür extra von us-amerikanischen Banken (u.a. Citibank) als Gemeinschaftsunternehmen gegründet wurde. Sabre war von 2000 bis 2007 ein eigenständiges Unternehmen, dessen Aktien an der New Yorker Börse gehandelt werden. 2007 wurde das Unternehmen von zwei Private Equity Funds übernommen. Auch Amadeus hielt eine an der Börse in Madrid gelistete Aktiengesellschaft, wenngleich drei der ursprünglich vier Gründer (Air France, Iberia und Lufthansa - die SAS hat ihre Anteile relativ bald wieder veräußert) zusammen noch Minderheitsanteile an ihr hielten. Auch Amadeus ist seit 2005 mehrheitlich in der Hand von Private Equity Funds; die Minderheitsanteile der Fluggesellschaften bestehen jedoch nach wie vor.
Damit gewannen die früheren Besitzer bzw. Anteilseigner auch größere Handlungsfreiheit. So beauftragte zum Beispiel British Airways nach dem Verkauf ihrer Anteile an Galileo den Konkurrenten Amadeus mit der Neueinrichtung ihres Passagier-Management Systems. Auch im Vertrieb wurden die Handlungsspielräume dadurch größer, indem Fluggesellschaften zum Beispiel im Firmenreisegeschäft internetbasierte Buchungslösungen unter Umgehung von CRS anbieten können. Die entsprechende Kosteneinsparung kann zusammen mit anderen (etwa Verzicht auf Vielfliegerprogramme und die Benutzung von Kreditkarten) direkt an die Kunden weitergegeben werden. Vor dem Hintergrund ihrer globalen Netze im Rahmen der Mitgliedschaft in strategischen Allianzen können Fluggesellschaften so auch Reisemittlern Konkurrenz machen und eröffnen sich damit die Chance, sie tendenziell aus ihrer Vertriebskette auszuschließen.
Auch bei START gab es entsprechende Veränderungen, als sich 1996 zunächst die TUI als eines der Gründungsunternehmen aus dem Gesellschafterkreis zurückzog. Auch hier ging es nicht zuletzt darum, Handlungsspielräume im Vertrieb zu öffnen. 2003 schließlich kaufte Amadeus das gesamte Unternehmen von den verbliebenen Gesellschaftern und änderte den Namen entsprechend in Amadeus Germany.
4 Internet
Die CRS haben früh erkannt, welche Chancen und Gefahren die Verbreitung des Internets für sie bereithält. Sie verfügen daher zum Teil über eigene Internetauftritte, mit denen jedermann buchen kann (zum Beispiel amadeus.net oder travelocity.com von Sabre), zum Teil liefern sie die Buchungssysteme und Informationsdatenbanken, die hinter den großen Reiseportalen stehen. So wird das Internetreisebüro Expedia und das von US-Fluggesellschaften gegründete Flugreiseportal Orbitz (das mittlerweile zu Travelport gehört) mit Buchungswerkzeugen (Internet Booking Engines) von Worldspan betrieben. Damit entgehen sie der Gefahr, die erreichte Etablierung in der touristischen Wertschöpfungskette wieder zu verlieren. (jwm) |
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Literatur
- Collier, David 1991: Expansion and Development of Central Reservation Systems. In: Medlik (Ed.), S. 252-256
- Echtermeyer, Monika 1993: Globale Computerreservierungssysteme im internationalen Luftverkehr. Trier: Forschungskreis Tourismusmanagement (= Trends, Forschung, Konzepte im strategischen Tourismusmanagement, Bd. 2)
- Echtermeyer, Monika 1998: Elektronisches Tourismusmarketing. Globale CRS-Netze und neue Informationstechnologien. Berlin: de Gruyter
- Hanlon, Pat 1996: Global Airlines. Competition in a Transnational Industry. Oxford: Butterworth-Heinemann
- Holloway, J. Christopher 1989: The Business of Tourism. London: Pitman (3. Aufl.)
- Medlik, Slavoj (Ed.) 1991: Managing Tourism. Oxford: Butterworth-Heinemann
- Smith, Barry C.; John F. Leimkuhler & Ross M. Darrow 1992: Yield Management at American Airlines. In: Interfaces, Vol. 22, S. 8-31
- Webseiten der CRS
- Weinhold, Marisa Diana 1995: Computerreservierungssysteme im Luftverkehr. Erfahrungen in den USA und Empfehlungen für Europa. Baden-Baden: Nomos (= Veröffentlichungen des HWWA-Institut für Wirtschaftsforschung Hamburg, Bd. 13)
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